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Alte Wunder Artikel 2026-02-23 · 6 Min.

Der Zeus von Olympia

Zeus' Vater im Himmel ist Kronos, sein Vater in Olympia jedoch Pheidias.

Gewiss bestaunen wir auch die übrigen Weltwunder, diesem jedoch zollen wir als einzigem Hochachtung, und wir sind uns nicht schlüssig, wo unsere Bewunderung des Kunstwerkes endet und die Pietät vor der Zeusstatue ihren Anfang nimmt. Wieder ist es Philon, dem wir diese Zeilen entnehmen. Unser 4. Wunder steht in Olympia, im griechischen Mutterland auf der östlichen Peloponnes. Eine Assoziation zu diesem Namen zu finden, fällt gewiss niemandem schwer. In der Antike war Olympia nicht nur der Name und Austragungsort der olympischen Spiele, Olympia war ein Symbol. Es war ein heiliger Ort und ein Identität stiftendes Gemeingut der sonst so unterschiedlichen griechischen Poleis.
Olympia war ein Symbol des Friedens. Während der Spiele durfte kein Grieche gegen einen anderen die Waffe erheben. Es war ein Hort des Friedens und des Wettstreits der Besten der Besten. Als Initiatoren der Olympiade erachtete man die größten mythischen Helden. Griechische Historiker datierten sogar historische Ereignisse anhand der Olympiaden. Die erste Olympiade 776 v.Chr. markiert nicht zufällig den Beginn des griechischen Kalenders.

Das eigentliche Zeus-Heiligtum in Olympia wurde 468-457 v.Chr. (spätestens 456 v.Chr.) errichtet. Der Zeustempel ist rein stilistisch gesehen ein dorischer Typ. Besonders markant sind die geraden, relativ streng wirkenden Kapitelle (Das obere Ende der Säule). Pausanias überliefert uns eine Beschreibung des Heiligtums und der Statue. Als Baumaterial wurde Kalkstein verwendet. Die Architektur war klassisch (wie z.B. am Parthenon) - ein rechteckiger Grundriss (etwa 64 x 27 m) umgeben von Säulen. 13 sollen es an jeder Seite gewesen sein und je 6 vorn und hinten. Die Höhe der Säulen ist mit etwa 10,50 m angegeben. Pausanias nennt Libon als den Architekten.

Das leicht spitz zulaufende Dach war mit Marmorziegeln gedeckt, die Erfindung eines Naxiers namens Euergus wie wir erfahren. An den Enden bildete es dreieckige Giebel. Die Giebel waren mit Bauplastik geschmückt. Neben Zeus ist unter anderem eine Szene aus dem Wagenrennen zwischen Pelops und Oinomoas dargestellt. Den Bereich oberhalb der Säulenschäfte und unterhalb des Daches zierten Metopen. Metopen sind im Grunde nichts anderes als Bildfelder. Hier waren die Heldentaten des Herakles dargestellt. Auf diese wurde schon an anderer Stelle eingegangen.


Der eigentliche Tempel des Zeus wurde, wie gesagt, schon im Jahre 457 v.Chr. fertiggestellt. Er zählte zum Besten, was damalige Architektur zu bieten hatte. Da die eigentlichen Opfer für den Göttervater auf einem nahegelegenen Altar stattfanden, ließ man sich zunächst Zeit bei der Auftragsvergabe für ein angemessenes Kultbild. Schließlich befand man, dass der Tempel allein nicht ausreiche, der Größe des Gottes zu huldigen. Es wurde der zu diesem Zeitpunkt schon weithin berühmte Pheidias aus Athen gerufen. Schöpfer der Athenastatue des Athener Parthenon galt er als der Spezialist für monumentale Plastik - der geeignete Mann für die schier übermenschliche Aufgabe.
Ganz in der Nähe des Tempels wurde eine Werkstatt errichtet. In den Dimensionen entsprach der Hauptraum exakt dem Aufstellungsort im Tempel. Hier wurden zunächst Modelle angefertigt. Anschließend wurden die einzelnen Teile anhand der Modelle gefertigt. Wie schon die Athena Parthenon war auch die Statue des olympische Zeus innen hohl. Die ganze Skulptur bestand aus Platten, die auf ein Holzgerüst montiert wurden. Gewand und Haar bestanden aus purem Gold. Für Arme, Beine und Gesicht (kurz gesagt die unbekleideten Teile des Körpers) verwandte der Künstler Elfenbein.

Die Zeusstatue war monumental. Allein die Basis war mehr als einen Meter hoch und hatte eine Grundfläche von 6,65 x 9,93 m. Die Skulptur selbst maß über 12 m. Angesichts der schieren Größe soll der Künstler heftig kritisiert worden sein. Strabo zufolge störten sich einige Zeitgenossen daran, dass, obwohl der Tempel riesig war, der sitzende Zeus mit seinem Haupte beinahe das Dach berührte. Stände er auf, würde er das Dach des Tempels anheben. Andere sehen gerade darin das Faszinierende der Idee des Pheidias und bewundern die Größe des Meisters. Den Dimensionen der Statue mag es auch geschuldet sein, dass die meisten Besucher viel eher Thron und Basis beschreiben, als die Skulptur selbst.

Zeus saß auf einem Thron. In der rechten ausgestreckten Hand hielt er eine Nike. Nike war in der griechischen Mythologie die Personifikation des Sieges. In der linken Hand hielt er das Insignium seiner Macht - ein hohes Zepter mit einem Adler. Ölbaumlaub kränzte seinen Kopf. Bekleidet war er nur mit einem Mantel, seine Füße ruhten auf einem Schemel. Statuenbasis, Thron und Fußbank waren überall mit Relief und freiplastischen Figuren verziert. Wir wissen um Sphingen und verschiedene Gottheiten. Auch Szenen aus dem Mythos fehlten nicht. Sei es der Kampf gegen Kentauren, eine Amazonomachie, Abwehrkämpfe gegen Barbaren oder Begebenheiten aus dem Leben der vornehmsten griechischen Helden, allen voran Herakles und Theseus.

Einmal fertiggestellt, bedurfte das Wunder ständiger Pflege. Um zu verhindern, dass das Elfenbein brach, wurde es regelmäßig geölt. Mit Erfolg wie wir erfahren. Bis zum Verbot der Spiele 393 stand der Zeus am Platz, danach noch 70 Jahre in Konstantinopel. Dort zerstörte ihn eine Feuersbrunst. So geschehen im Jahre 462.

Die Wiederentdeckung Olympias soll hier nur kurz skizziert werden. Die erste Identifikation Olympias datiert ins frühe 18. Jahrhundert. Die ersten Ausgrabungen begannen erst 1829. Eine Gruppe französischer Archäologen, im Gefolge eines Expeditionsheeres, dass die Griechen in ihrem Unabhängigkeitskampf unterstützen sollte, arbeitete als erste in Olympia. Sie erkannten die Umrisse des Tempels und bargen unter anderem Teile der Metopen (heute in Louvre).

Trotz der spektakulären Ergebnisse wandte sich das Interesse zunächst wieder von Olympia ab. Der Initiative des deutschen Archäologen Ernst Curtius ist es zu verdanken, dass 1875 die Arbeiten wiederaufgenommen wurden. Im Grunde genommen war es ein Neubeginn. Seitdem engagierte sich das DAI (Deutsches Archäologisches Institut) in Olympia. Der größte Coup gelang in den 50'er Jahren des 20. Jahrhunderts, als man die Werkstatt des Pheidias entdeckte. Neben Materialresten, Formen und Werkzeugen entdeckten die Forscher Teile der Gussform für die Nike. Entschädigt es nicht für den Verlust der Skulptur, ist es doch ein kleiner Trost.

Über 1000 Jahre wurden die Spiele in Olympia abgehalten. 393 AD fand der letzte olympische Wettbewerb der Antike statt. Wie die unzähligen Tempel und paganen Heiligtümer wurde auch Olympia ein Opfer der neuen religiösen (christlichen!) Ansichten. Es waren die Publikationen vom Olympiaausgräber Ernst Curtius, die das Interesse Pierre de Coubertins auf die olympischen Spiele lenkten und ihn auf die Idee brachten, sie wieder ins Leben zu rufen. Das Ergebnis ist uns allen bekannt. Leider konnte der Friedensgedanke nicht mit in die Neuzeit transportiert werden und, um ehrlich zu sein, im Moment sieht es nicht danach aus, als solle sich daran je etwas ändern - Schade eigentlich.

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